{"id":1903,"date":"2018-06-26T18:12:16","date_gmt":"2018-06-26T18:12:16","guid":{"rendered":"http:\/\/misoli-ofdreamsandreality.de\/?page_id=1903"},"modified":"2018-06-26T18:12:16","modified_gmt":"2018-06-26T18:12:16","slug":"historischer-hintergrund","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/misoli-ofdreamsandreality.de\/en\/finnische-musikgeschichte\/historischer-hintergrund\/","title":{"rendered":"Historischer Hintergrund"},"content":{"rendered":"<p>Finnland, wie man es heute kennt, ist eine relativ junge Nation. Erst im Jahre 1917 erlangte es seine Unabh\u00e4ngigkeit, ein Ereignis, das die Finnen sehr stolz macht. So stand das gesamte Jahr 2017 im Zeichen der 100-j\u00e4hrigen Unabh\u00e4ngigkeitsfeier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Geschichte und Gesellschaft Finnlands bis 1900<\/h4>\n<p>Im Jahre 1323 wurde ein Gro\u00dfteil Finnlands an Schweden angeschlossen und blieb ein Teil Schwedens, bis es nach dem schwedisch-russischen Krieg an Russland abgetreten werden musste. Als Gro\u00dff\u00fcrstentum von Russland war Finnland nun deutlich autonomer als es unter schwedischer Herrschaft gewesen war. Es gab auch eine weitere gr\u00f6\u00dfere \u00c4nderung: Turku, oder Schwedisch \u00c5bo, war unter schwedischer Herrschaft die Hauptstadt Finnlands gewesen. 1812 l\u00f6ste Helsinki Turku als Hauptstadt ab.<br \/>\nAus dieser Zeit sind erste nationale Bestrebungen dokumentiert, die heute unter der kulturpolitischen Bewegung \u201eTurku Romanticism\u201c zusammengefasst werden. Mit Schweden hatten sich die Finnen auf Grund der Sprache und auch durch kulturelle Gemeinsamkeiten verbunden gef\u00fchlt. Unter der russischen Herrschaft waren die Men-schen weniger zufrieden: Sie wollten nicht russisch sein. Dass sie sich aber auch nicht schwedisch f\u00fchlten, geht aus folgendem Zitat hervor: \u201eWe are not Swedish, we will not become Russian, let us therefore be Finnish.\u201c (Korhonen, &#8220;Inventing Finnish Music&#8221;, S.31)<br \/>\nUm sich wirklich finnisch zu f\u00fchlen, brauchten die Finnen eine eigene Identit\u00e4t. Durch die lange Zugeh\u00f6rigkeit zu Schweden hatten sie vieles von Schweden \u00fcbernommen, nicht zuletzt die Sprache. Finnisch sprach vor allem die \u00e4rmere Landbev\u00f6lkerung, die gr\u00f6\u00dftenteils weder lesen noch schreiben konnte, weshalb es Anfang des 19. Jahrhunderts auch noch keine richtige finnische Schriftsprache gab. Das \u00e4nderte sich dann aber schnell und mit der Sprache begann die Identit\u00e4tsfindung der Finnen.<br \/>\nDer erste Meilenstein in der Identit\u00e4tsfindung in Zusammenhang mit der finnischen Sprache gelang Elias L\u00f6nnrot. Er sammelte Volksdichtungen, sortierte diese nach Figuren und ver\u00f6ffentlichte diese Sammlung anschlie\u00dfend im Jahre 1835 unter dem Namen <em>Kalevala<\/em>. Das <em>Kalevala<\/em> wurde schnell zum Nationalepos der Finnen, es \u201ehob das Ansehen des finnischen Volkes in den Augen der Gebildeten, bewies es doch, dass der heidnische Urfinne in der Lage war, eine den klassischen Vorbildern gerechte Kultur zu erschaffen.\u201c (Halmesvirta, &#8220;Land unter dem Nordlicht&#8221;, S.115) Bis sich Finnisch allerdings wirklich als Schriftsprache durchsetzte, dauerte es bis in die 1850er Jahre.<br \/>\nAnfang des 19. Jahrhunderts wurden auch die ersten finnischsprachigen Schulen gegr\u00fcndet; sie verbreiteten sich schnell und ab 1889 waren sie den schwedischsprachigen gleichberechtigt. Trotzdem war Schwedisch noch immer die Sprache der Oberschicht und so kam es Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Streit um die Landessprache. Der russische Zar unterschrieb im Juni 1900 ein Dekret, das Finnisch zur offiziellen Sprache Finnlands erkl\u00e4rte. Heute hat Finnland zwei offizielle Landessprachen: Finnisch und Schwedisch.<\/p>\n<h4>\nDie Entwicklung des Musiklebens in Finnland<\/h4>\n<p>Das Musikleben in Finnland entwickelte sich im Vergleich zu dem Musikleben in Mitteleuropa erst relativ sp\u00e4t. Verantwortlich hierf\u00fcr waren verschiedene Faktoren: Zum einen war das Land lange Zeit nicht eigenst\u00e4ndig \u2013 es geh\u00f6rte zun\u00e4chst zu Schweden, dann zu Russland. Viel entscheidender war aber, dass das Land d\u00fcnn besiedelt war und selbst die gro\u00dfen St\u00e4dte f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnissen eher klein waren. Dazu kam die Lage am Rande Europas: Zu Zeiten, zu denen es noch nicht die Reisem\u00f6glichkeiten von heute gab, waren die Kulturzentren Europas f\u00fcr die Finnen nur schwer zu erreichen. Finnland war also recht lange von der europ\u00e4ischen Kultur relativ isoliert, aber es entwickelte nach und nach dennoch ein eigenes kulturelles Leben.<br \/>\nAuch wenn diese erst sehr sp\u00e4t notiert wurden, gibt es in Finnland eine recht lange Tradition von Volksmusik in der Form von Volksliedern, die m\u00fcndlich \u00fcbertragen wurden. Eine besondere Rolle spielen dabei die sogenannten Runen-Lieder, die h\u00e4ufig mit Begleitung einer Kantele vorgetragen werden. Diese Runen-Lieder bildeten auch die Grundlage f\u00fcr das <em>Kalevala<\/em>-Epos.<br \/>\nDie europ\u00e4ische Kunstmusik fand hingegen erst Ende des 18. Jahrhunderts ihren Weg nach Finnland. Vor allem die Kirchenmusik verbreitete sich recht schnell, wobei die angesehene Organistenschule in Turku eine wesentliche Rolle spielte.<br \/>\nTurku war als Hauptstadt lange Zeit auch Kulturzentrum Finnlands. Bereits unter schwedischer Herrschaft waren in dem Land einige Chorschulen ins Leben gerufen worden, die wichtigste befand sich eben dort, in Turku. Im Zusammenhang mit der \u201eTurku Romanticism\u201c-Bewegung wurden immer mehr Studenten-Chorgemeinschaften gegr\u00fcndet.<br \/>\nIm sp\u00e4ten 18. Jahrhundert organisierte die Stadt Turku die <em>Turun Soitannollinen Seur<\/em>a (Turku Musikgesellschaft), ein Orchester, das 1790 sein erstes Konzert gab. Dieses Orchester bestand aus Amateurmusikern, die von bezahlten Profis unterst\u00fctzt wurden. Nach dem gro\u00dfen Stadtbrand in Turku 1827, bei dem die Stadt fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt wurde, verlagerte sich das Kulturleben in Finnlands neue Hauptstadt Helsinki; vor allem der Umzug der Universit\u00e4t (1828) trug dazu bei.<br \/>\nDa die musikalischen Ausbildungsm\u00f6glichkeiten in Finnland begrenzt waren, dominierten lange Zeit Musiker, die urspr\u00fcnglich nicht aus Finnland stammten, das finnische Musikleben. Zu dieser Gruppe geh\u00f6rt auch Fredrik Pacius (1809\u20131891): Pacius kam 1834 von Deutschland nach Finnland und brachte sich sofort aktiv in das finnische Musikleben ein. Seine Aktivit\u00e4ten weckten unter den Finnen immer mehr Interesse an der europ\u00e4ischen Kunstmusik. Seine Bem\u00fchungen als Organisator des Musiklebens, als Lehrer sowie seine patriotischen Kompositionen, nicht zuletzt die finnische Nationalhymne<em> Maamme<\/em>, brachten ihm den Titel \u201eVater der finnischen Musik\u201c ein.<br \/>\nFredrik Pacius markiert den Anfang zunehmender musikalischer Aktivit\u00e4t in Finnland, aber er war nicht der einzige: Vesa Kurkela spricht von vier \u201eMusikp\u00e4psten\u201c: Fredrik Pacius, Richard Faltin, Robert Kajanus und Martin Wegelius. Richard Faltin (1835-1918) stammte wie Pacius aus Deutschland und leistete vor allem als Lehrer f\u00fcr Musik seinen Beitrag. Martin Wegelius und Robert Kajanus waren diejenigen, die im Jahr 1882 den Beginn einer \u201eneuen \u00c4ra\u201c im Musikleben Finnlands einl\u00e4uteten: Robert Kajanus gr\u00fcndete in diesem Jahr ein Sinfonieorchester in Helsinki, damals unter dem Namen \u201eHelsinki Orchestral Society\u201c, das heute noch als Philharmonisches Orchester Helsinki aktiv ist. Es ist das \u00e4lteste st\u00e4ndige Berufsorchester in Nordeuropa. Der Anfang war nicht ganz einfach, denn es gab, auf Grund der oben erw\u00e4hnten mangelnden Ausbildungsm\u00f6glichkeiten in Finnland, nur wenige finnische Musiker und auch die Finanzierung stellte eine Herausforderung dar. Kajanus fand jedoch Sponsoren und professionelle Musiker aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland, die nach Finn-land kamen um in dem Orchester mitzuspielen. Um sein Orchester zu etablieren, veranstaltete Kajanus regelm\u00e4\u00dfige Sinfoniekonzerte, woraus sich die Tradition der Freitagabendkonzerte ergab, die noch heute ein fester Bestandteil von Helsinkis \u201ekulturellem Kalender\u201c sind. 1885, drei Jahre nach der Gr\u00fcndung des Orchesters, gr\u00fcndete Kajanus au\u00dferdem noch eine Orchesterschule, um sich Nachwuchs f\u00fcr das Orchester zu sichern. Tats\u00e4chlich etablierte sich das Orchester recht schnell. Schon bald erhielt es auch finanzielle Unterst\u00fctzung durch die Stadt Helsinki und den Staat35. Als Gustav Mahler im Herbst 1907 Helsinki besuchte und mit dem Orchester arbeitete, zeigte er sich von der Qualit\u00e4t des Orchesters beeindruckt und schrieb an seine Frau: \u201eThe orchestra is amazingly good and well trained, which speaks well for the Director of Music here \u2013 Kajanus, who has of course a great reputation in the musical world.\u201c (Korhonen, &#8220;Inventin Finnish Music&#8221;, S.33)<br \/>\nMartin Wegelius gr\u00fcndete in dem Jahr, in dem Kajanus sein Orchester gr\u00fcndete, das Helsinki Music Institute, das seit 1939 den Namen Sibelius-Akademie tr\u00e4gt und zu den f\u00fchrenden Musikhochschulen Europas geh\u00f6rt. Auch f\u00fcr ihn war der Start nicht ganz einfach; es existierten noch keine Lehrb\u00fccher in finnischer oder schwedischer Sprache und auch an geeigneten Lehrern mangelte es in Finnland. Wegelius reiste also durch Europa und stellte Lehrer aus dem Ausland ein. Der bekannteste von ihnen war Ferruccio Busoni. Die fehlenden Lehrb\u00fccher schrieb Wegelius selbst. Die Lehrwerke wurden sp\u00e4ter \u00fcberarbeitet und modernisiert, werden aber teilweise noch heute f\u00fcr die Musikausbildung in Finnland genutzt. Am Musikinstitut gab es zu Beginn die F\u00e4cher Klavier, Gesang und Tonsatz. Kajanus\u2018 Orchesterschule w\u00e4re eine gute Erg\u00e4nzung gewesen, allerdings herrschte zun\u00e4chst eine Art Machtkampf zwischen Wegelius und Kajanus, was eine Zusammenarbeit unm\u00f6glich machte. Wegelius hatte davon getr\u00e4umt an der Spitze des finnischen Musiklebens zu stehen, aber der j\u00fcngere Kajanus machte ihm mit der Gr\u00fcndung seines Orchesters einen Strich durch die Rechnung. Auch waren die beiden unterschiedlicher Ansicht, was die musikalische Ausbildung betraf: \u201eWegelius war der Ansicht, dass ein musikalisches Verst\u00e4ndnis auf Gelehrtheit und Bildung basieren m\u00fcsse [\u2026] Kajanus dagegen war ein praktischer Musiker [\u2026]\u201c (Huttunen, &#8220;Der Nationalheld Jean Sibelius&#8221;, S.137f) Erst Jahre sp\u00e4ter, 1914, wurden die Orchesterschule und das Musikinstitut zusammengeschlossen.<br \/>\nMit der Gr\u00fcndung des Orchesters und des Musikinstituts begann eine rasante Entwicklung im finnischen Musikleben. Viele junge angehende Komponisten begannen ihre Ausbildung am Musikinstitut, unter ihnen auch Sibelius. Zur Weiterbildung gingen aber viele von ihnen nach Deutschland, vor allem nach Leipzig. Kimmo Korhonen schreibt sogar von einer \u201eLeipziger Schule\u201c unter den finnischen Komponisten. Doch die Komponisten kehrten gr\u00f6\u00dftenteils zur\u00fcck und wirkten anschlie\u00dfend in Finnland. Auch die Orchesterlandschaft vergr\u00f6\u00dferte sich schnell: Bis 1909 hatten auch die St\u00e4dte Turku, Viipuri, Mikkeli, Kotka, Kuopio, Oulu und Lahti bald ein festes Orchester.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finnland, wie man es heute kennt, ist eine relativ junge Nation. Erst im Jahre 1917 erlangte es seine Unabh\u00e4ngigkeit, ein Ereignis, das die Finnen sehr stolz macht. 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