Jean Sibelius und die anderen

„Leevi Madetoja is generally ranked among the most important of those Finnish composers whose careers spanned the first few decades of this century, during a time which was marked in society by unstable political conditions and the strug-gle to achieve and maintain national independence, and in music circles by the towering figure of Jean Sibelius.“ (Kaipainen, „French Colouring in a Bothnian Landscape“)

Dieses Zitat über Madetoja zeichnet ein gutes Bild über die Umstände finnischer Komponisten um 1900. Da waren die wichtigen finnischen Komponisten. Und da war Sibelius. Außer Konkurrenz wie es scheint. Veikko Helasvuo nennt es „Sibeliuskomplex“: Sibelius als musikalischer Fixpunkt, die anderen Komponisten drumherum. Entweder freiwillig oder aber auch unfreiwillig gefangen, auf der ständigen Suche zu entkommen. Weitaus öfter wird in der Literatur auch der Begriff „Der Schatten von Sibelius“ verwendet.
Die Idee des „Schattens von Sibelius“ kam vermutlich in den 1920er Jahren auf. Eero Tarasti versucht sich an einer Definition und beruft sich dabei auf Mikko Heiniö, nach dem es drei Arten von „Schatten“ gibt: 1. Sibelius als „Objekt nationaler Ehr-furcht“, 2. der eigentliche Schatten und 3. die neue Sibelius Rezeption. (Tarasti, „Jean Sibelius as an icon of the Finns and others“, S.229)

Schon immer hatte es in der europäischen Musikgeschichte Komponisten gegeben, die einen Schatten auf die jüngeren, nachfolgenden Komponisten warfen. Beethoven und Wagner werden als Beispiel ganz vorne angeführt. Mit dem „Schatten von Sibelius“ verhält es sich allerdings etwas anders. In einem Land wie Finnland mit verhältnismäßig wenigen Einwohnern wirkt so ein Schatten um einiges größer. Mindestens zwei Generationen von Komponisten lebten in diesem Schatten. Und das ist nicht alles. Während sich der „gewöhnliche Schatten“ auf die potentiellen Nachfolger ausbreitet, breitete sich der „Schatten von Sibelius“ auch über „der ganzen Generation einflussreicher Klassiker des Fin de siècles“ aus. (Mäkelä, „Poesie in der Luft“, S.34) Auch Robert Kajanus, der als einer der wichtigsten Wegbereiter Sibelius‘ zählt, verschwand in diesem Schatten.
Sibelius’ Zeitgenossen lebten quasi mit einer „lebenden Legende“, worauf einige von ihnen entsprechend reagierten, indem sie sich Kompositionsfelder suchten, in denen Sibelius weniger aktiv war.

Sibelius und die früheren Komponisten

Martin Wegelius war einer der ersten Lehrer von Sibelius. Doch er wurde schnell zu viel mehr. Er wurde zu seinem Mentor und zu seinem Freund. Im Sommer verbrachte Sibelius oft Zeit in Wegelius‘ Sommerhaus, wo die beiden Kontrapunkt studierten und auch gemeinsam musizierten. Wie Sibelius es einmal ausdrückte: „Martin Wegelius was always a fatherly friend to me.“ (Ekman, „Jean Sibelius.“, S.48)
Sibelius schätzte und bewunderte auch die Arbeit, die Wegelius in sein Musikinstitut steckte, wie dieses Zitat von ihm zeigt:

„Martin Wegelius was, if anyone, the right man in the right place. He devoted himself with passion to his calling as a teacher. He lived entirely for the musical academy and knew how to infect teachers and pupils with his love of work and his burning enthusiasm. During my subsequent travels for purpose of study I was able to convince myself that the musical academy, thanks to Martin’s personal influence, was on a considerably higher level than most such institutions abroad.” (Ekman, „Jean Sibelius“, S.47)

Allerdings kam es anscheinend hin und wieder auch zu Spannungen zwischen den beiden. Wegelius komponierte eher selten, aber gelegentlich tat er es doch. Er komponierte dann vor allem patriotische Märsche und Gesänge, die aber, jedenfalls nach Sibelius‘ Meinung, weniger gut waren, was dieser auch offen aussprach. Und als Sibelius ihn aus Wien in einem Brief über seine Kompositionspläne von Kullervo unterrichtete, war Wegelius wenig erfreut und wollte ihm ein solches „finnisches“ Werk ausreden. Er fühlte sich der schwedischsprachigen Gruppe der Finnen mehr verbunden und hatte vermutlich in erster Linie deshalb nur wenig Verständnis für Sibelius‘ Vorhaben.

Kajanus traf Sibelius erst 1890 in Berlin, als ersterer sein Werk Aino dort dirigierte. Das Werk soll Sibelius zwar nicht stilistisch beeinflusst haben, aber es soll ihn doch soweit inspiriert haben, dass er ebenfalls beschloss, ein Werk zu einem Kalevala-Thema zu schreiben. Dass Kajanus und Sibelius sich nicht bereits vorher trafen, wird in der Literatur gemeinhin damit erklärt, dass Wegelius, der ja Sibelius‘ Lehrer war, und Kajanus Konkurrenten waren und Wegelius ein solches Treffen deshalb nicht wollte.
Das Verhältnis zwischen Kajanus und Sibelius war nicht immer einfach. In der Literatur werden die beiden oft als Freunde bezeichnet, doch inwieweit dies wirklich zutraf, lässt sich nicht genau bestimmen. Sicher ist jedoch, dass die beiden ein enges künstlerisches Verhältnis pflegten. Nachdem Kajanus sich schwerpunktmäßig auf das Dirigieren verlegt hatte, machte er sich einen Namen als Sibelius-Interpret. Die beiden arbeiteten eng zusammen: Sibelius probte fast alle seiner Werke mit dem Orchester von Kajanus und dirigierte die Uraufführung selbst, Kajanus hörte dabei zu und versuchte die Werke dann möglichst genau so zu interpretieren. Er wurde zu dem bekanntesten Sibelius-Interpreten, der sich vor allem zur Aufgabe gemacht hatte, die Bekanntheit der Sinfonien zu steigern. 1930 nahm Kajanus Werke von Sibelius mit dem London Symphony Orchestra auf. Diese Aufnahmen gelten heute als „ein wichtiges Stück authentischer Aufführungspraxis“ (Mäkelä, Art. „Kajanus“, in MGG2). Kajanus beauftragte Sibelius sogar mit einem Werk. Dieses Werk, die sinfonische Dichtung En Saga (1892), dirigierte Kajanus bei der Uraufführung selbst.
Das Verhältnis zwischen den beiden war aber nicht durchgehend so gut. Vor allem der Anfang ihrer Bekanntschaft verlief eher weniger gut. Kajanus war vor Sibelius‘ großem Durchbruch der führende Komponist in Finnland und sah Sibelius als Konkurrenten. „Bereits nach der Premiere des ersten Streichquartetts von Sibelius 1889 konstatierte [er] (ob neidisch oder respektvoll), dass „man“ in Finnland nun nicht mehr komponieren müsse, da der 24jährige es offenbar viel besser könne.“ (Mäkelä, „Poesie in der Luft“, S.203) Tatsächlich war Sibelius von seiner Überlegenheit überzeugt, ob bereits 1889 ist nicht klar, aber 1891 schrieb er an Aino, „dass er inzwischen ‚mehr könne‘ als Wegelius oder Kajanus.“ (Mäkelä, Art. „Sibelius“, in MGG2)
Deutlich wurde das Konkurrenzdenken auch, als sich Kajanus und Sibelius gleichzeitig für eine Stelle an der Universität in Helsinki bewarben. Sibelius bewarb sich dort vor allem aus Geldsorgen, nicht weil er so gerne unterrichten wollte. Die Universität entschied zu Gunsten von Kajanus. Kurz nachdem Sibelius Kajanus an der Universität den Vortritt lassen musste, wurde Sibelius‘ neustes Werk, die Lemminkäinen-Suite von einigen Kritikern verrissen. Tuire Ranta-Meyer meint hier Verschwörungs-hinweise gefunden zu haben und beruft sich dabei auf ein Zitat von Erkki Melartin: „A great storm has arisen in our musical circles. Wild stories fly about, but I do not believe them. I believe what I know to be a fact: That the critics are set against Sibelius, as they all support Kajanus, and now that Sibelius has a concert next week, there is an intrigue going on to prevent him from getting an audience.” (Ranta-Meyer, „Melartin, Sibelius and Kajanus“, S.40) Ein paar Jahre später machte Sibelius eine ähnliche Anmerkung zum Konkurrenzdenken von Kajanus: „As for Kajanus, he is fighting for his life. And for his place in the history books. That he is plotting to overshadow me is certain, even if he does not consciously realize it.” (Ranta-Meyer, „Melartin, Sibelius and Kajanus“, S.40)
Dieser Konkurrenzkampf war aber zum Glück nicht von Dauer, die beiden versöhnten sich und gingen zur Jahrhundertwende gemeinsam auf Konzerttour in Europa. Zuvor hatten sie offensichtlich auch ihre Zuständigkeiten abgeklärt: Kajanus gab Sibelius‘ Werken einen Großteil der Konzertzeit, während er selbst dafür die Rolle des Dirigenten übernahm. Damit wurde der Anfang für ihre jahrelange enge Zusammenarbeit gemacht.

Nicht außen vor lassen darf man hier auch das Verhältnis zwischen Karl Flodin und Sibelius. Wie gut die beiden sich persönlich kannten und wie ihr Verhältnis auf einer möglichen freundschaftlichen Ebene war, ist nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass Sibelius immer großen Wert auf gute Kritiken von Flodin legte und sich auch seine negativen Kritiken sehr zu Herzen nahm. Manche vermuten sogar, dass Flodin Schuld daran trägt, dass Sibelius zwei Sätze seiner Lemminkäinen-Suite auf Grund von schlechten Kritiken Flodins zurückzog. Doch obwohl Flodin Sibelius durchaus auch kritisierte, verteidigte er ihn auch stets gegen Angriffe aus dem Ausland. Er war ein großer Fan von Sibelius, seinem Schaffen und seinem Talent. Er lobte zwar durch-aus auch andere Komponisten, machte jedoch deutlich, dass er Sibelius für den bemer-kenswertesten finnischen Komponisten hielt, da dieser „ohne jede Frage“ mehr als alle anderen geschafft habe, seinen Kompositionen die finnische Natur und den nationalen Charakter zu geben. Er bezeichnete Sibelius als „Genie“, nicht nur unter den Komponisten in Finnland, sondern auch denen aus dem Ausland und er sagte Sibelius eine große internationale Karriere bevor: „[…] And genius belongs to the world…. The most national of all composers, Grieg, has long since gained the rights of international citizenship. It should now be Sibelius’ turn.” (Ekman, „Jean Sibelius“, S.156)
Volker Tarnow bezeichnet Flodin in seiner Sibelius-Biographie als „Sibelius‘ Lieblingskritiker“.

Sibelius und die Komponisten seiner Generation

Armas Järnefelt war einer von Sibelius‘ engsten und ältesten Freunden. Die beiden lernen sich während des Studiums in Helsinki kennen und verstanden sich sofort gut. In ihrer Gruppe aus Kommilitonen hatte Järnefelt den Spitznamen „the brain“ und Sibelius den Spitznamen „the genius“. Järnefelt stellte Sibelius auch seine Schwester Aino vor, die später Sibelius‘ Frau wurde, was die beiden zu Schwagern machte.
Zunächst schienen Järnefelt und Sibelius als Komponisten gleichermaßen erfolgreich zu sein, doch Sibelius schrieb ein Meisterwerk nach dem anderen und Järnefelts Selbstbewusstsein schwand.
Er fühlte sich offensichtlich von Sibelius als Komponist eingeschüchtert und verlegte sich mehr und mehr aufs Dirigieren. Der Freundschaft der beiden schadete Sibelius‘ Erfolg jedoch nicht. Järnefelt wird generell immer als sehr nette und freundliche Persönlichkeit beschrieben. Er schien Sibelius seinen Erfolg ehrlich zu gönnen. Wie beeindruckt er von der Musik Sibelius‘ war, zeigt sein folgendes Zitat:
„For me, Sibelius was the embodiment of music. His daring originality inspired me, but as he struck out on strange, untraveled roads, he puzzled and outright paralyzed me. After having heard him, I was unable to compose any more; even the attempt to follow in those paths seemed vain…” (Korhonen, „Finnish Orchestral Music 1“, S.32)
Järnefelt wurde ebenfalls zu einem gefragten Sibelius-Interpreten, für Sibelius war er nach Kajanus der, „der seine Musik am besten verstand und interpretierte“ (Väsäinen, „Skizzen zu historischen Aufführungstraditionen der Orchesterwerke von Jean Sibelius“, S.121). Vor Konzerten arbeiteten die beiden eng zusammen und Sibelius gab ihm oft Anweisungen für die Aufführungen seiner Werke

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Über das Verhältnis von Sibelius zu Ilmari Krohn gibt es nur wenig Dokumentation. Krohn war aber auf jeden Fall an den Werken von Sibelius interessiert und veröffentlichte eine umfassende interpretierende Analyse zu seinen sieben Sinfonien. Auch war Sibelius mit kompositorischen Werken Krohns bekannt, das Lied Paimenessa soll bei seiner Arbeit an Kullervo als Inspiration gedient haben.

Oskar Merikanto konkurrierte nie mit Sibelius. Er war zeitgleich eine der führenden Persönlichkeiten im finnischen Musikleben, jedoch lagen seine Schwerpunkte von vornherein anders. Sibelius war der Internationale und der Sinfoniker. Seine Werke waren in den Kreisen der Gebildeten und denen mit musikalischer Ausbildung bekannt und beliebt. Merikanto schrieb Lieder für den „gewöhnlichen Finnen“, wodurch er in Finnland große Bekanntheit und Beliebtheit erreichte. Er war um die Jahrhundertwende der beliebteste Komponist Finnlands. Eine Konkurrenz mit Sibelius blieb durch die völlig unterschiedlichen Zielgruppen aus.
Merikanto hielt viel von Sibelius‘ Musik und leistete als Musikkritiker einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Sibelius zum Nationalkomponisten wurde. Vor allem sein Programmhefttext zu Sibelius‘ Kullervo, sowie seine Rezension zu dem Werk waren hierbei entscheidend.

Sibelius und die Romantiker

Bis in die 1910er Jahre waren Sibelius und Erkki Melartin die beiden führenden finnischen Sinfoniker. Die beiden pflegten ein höfliches kollegiales Verhältnis und zeigten Interesse an den jeweiligen Werken des anderen. Melartin bewunderte die Musik von Sibelius sehr. Vielleicht sah er ihn auch als eine Art Vorbild, jedenfalls ging er ebenfalls nach Wien um bei den selben Lehrern zu studieren. Stilistisch wurde er aber nicht zu einem „Sibelius-Imitator“. Seinen Respekt für Sibelius drückte Melartin in seiner bekanntesten Klavierkomposition aus. Die fünfsätzige Suite Surullinen puutarha (deutsch: der traurige Garten) op.52 widmete er Sibelius. Im ersten Satz, der den Titel Me kaksi (deutsch: wir zwei) trägt, kann man Anklänge an Sibelius‘ Stil hören.

Mit Heikki Klemetti verstand Sibelius sich wohl weniger gut; die beiden hatten einige Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Sprache in der Musik. Klemetti wollte eine rein finnischsprachige Tradition, während Sibelius auch eine gemischt finnisch-schwedische nicht ablehnte. Grund für die Auseinandersetzung war wohl vor allem der als Nationaldichter verehrte schwedischsprachige Dichter Johan Ludvig Runeberg, von dem auch Sibelius Gedichte vertonte. Dies passte nicht in Klemettis Vorstellung einer rein finnischsprachigen Tradition.
Trotz Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Sprache, soll Sibelius für viele seiner finnischsprachigen Chorkompositionen die Werke von Klemetti als Inspiration genutzt haben.

In der Literatur geht man stets davon aus, dass Ernst Mielck für Sibelius der ernstzunehmenste Konkurrent gewesen wäre, wäre er nicht so früh verstorben. Immerhin schaffte es Mielck zwei Jahre vor Sibelius eine Sinfonie zu schreiben, jedenfalls wenn man Kullervo nicht als Sinfonie zählt. Auf jeden Fall hatte Mielck mit seiner Sinfonie einen großen Erfolg und schaffte es, auch Kritiker damit zu überzeugen. Ohne nationalinspirierte Werke hätte er Sibelius den Platz als Nationalkomponist wohl nicht streitig machen können, doch auch er plante eine große nationale Komposition. Die Lage hätte sich daher anders entwickeln können, wenn Mielck lange genug gelebt hätte, um diese Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.

In seiner Sibelius-Biographie bezeichnet Volker Tarnow Selim Palmgren als Sibelius‘ Konkurrenten, der ihm um 1910/11 auch teilweise im Konzertprogramm vorgezogen wurde. Wie Sibelius das sah ist unklar. Palmgren jedoch sah sich von vornherein auf Sibelius‘ Hauptkompositionsgebiet als chancenlos an und wich, unter anderem deshalb, auf andere Bereiche aus, hauptsächlich auf die Klaviermusik. Palmgren war auch einer der Bewunderer von Sibelius, wie in seiner Autobiographie deutlich wird:

„Those who were fortunate to hear and see Jean Sibelius himself conducting his Kalevala tone poems in the period I am discussing – between 1895 and 1899 – can scarcely forget such an experience. ‘Dear Palmgren,’ I thought to myself, ‘there is nothing left for you to do with the Kalevala; just you let Sibba handle that and try to think of something else!’ And so I did…” (Korhonen, „Inventing Finnish Music“, S.47)

Sibelius unterstützte seine jüngeren Zeitgenossen, indem er oft gute Kritiken über ihre Werke verfasste. Besonders unterstützte und ermutigte er hierbei Toivo Kuula und Leevi Madetoja. Letzterer schaffte es, sich in einer Gattung besonders aus Sibelius‘ Schatten zu erheben: Er schrieb eine Oper, die zur finnischen Nationaloper wurde. Sibelius hatte dies versucht, war daran aber gescheitert.
An seine Fähigkeiten als Lehrer glaubte Sibelius nicht, weshalb er auch nie regulär unterrichtete. Toivo Kuula, Leevi Madetoja und Bengt de Törne erhielten von ihm aber hin und wieder Privatunterricht. De Törne verfasste später ein Buch über Sibelius, in dem er ihre Treffen sehr detailliert beschreibt. Ihm sei bewusst gewesen, dass Sibelius keine Schüler nähme, schreibt er, aber er habe ihn dennoch gefragt, ob er ihm Orchestrierung beibringen könne. Sibelius soll ohne Zögern zugestimmt haben. Allerdings soll er ebenfalls darauf hingewiesen haben, dass er eigentlich nicht unterrichten und demnach keine „gewöhnlichen Stunden“ geben würde. De Törne zitiert ihn wie folgt:

„I don’t know whether I am a good teacher or not; I think the better the composer, the worse the teacher. Anyhow, I might be able to give you some hints which you wouldn’t find in books about orchestration; and I shall give you the secrets of my long experience.” (Törne, „Sibelius als Lehrer“, S.17ff)

Für das erste Treffen brachte de Törne sein Quintett mit, von dem Sibelius sich sehr angetan zeigte und das er mit den folgenden Worten kommentierte: „I see your future clearly and you have a friend in me.“ Während de Törne seine Treffen mit Sibelius als hilfreich beschreibt, war Madetoja von Sibelius‘ Lehrfähigkeiten anscheinend weniger überzeugt. Er schrieb im Januar 1910 an Kuula: „Sibelius has been tutoring me. You know from your own experience that his tutoring is anything but detailed.” (Korhonen, „Inventing Finnish Music“, S.43)
Die Kritiker sind sich nicht einig, ob Sibelius seine jüngeren Zeitgenossen als Konkurrenz sah oder nicht. Ein Teil der Kritiker baut auf Sibelius‘ zahlreiche Ermutigungen seinen jüngeren Zeitgenossen gegenüber und schließt daraus, dass Sibelius sich und seine Position von ihnen nicht bedroht sah. Mit der Zeit änderte sich aber anscheinend Sibelius‘ Sichtweise. Er soll frustriert gewesen sein und sich unter Druck gesetzt gefühlt haben, wenn einer seiner Zeitgenossen ein neues Werk vorstellte, er aber zurzeit kein neues Werk vorzuweisen hatte. Er glaubte zudem nicht an einen dauerhaften Erfolg und litt unter der Angst in Vergessenheit zu geraten. In seinem Tagebuch vermerkte Sibelius, dass er seine jüngeren Zeitgenossen, obwohl ihm das schwerfiele, als seine „natürlichen Feinde“ sehen müsse. Er hatte immer wieder das Gefühl, dass man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihm. In diesem Zusammenhang nannte er Palmgren, Madetoja, Kuula und Hannikainen. Vor allem Madetojas 2. Sinfonie bezeichnet Sibelius in seinem Tagebuch als „rezeptionshistorische ‚Bedrohung‘“.

Sibelius und die frühen Vertreter der Moderne

Die frühen Vertreter der Moderne traten in den letzten Jahren von Sibelius‘ Schaffens-phase in Erscheinung. Seinen Schatten spürten sie vermutlich trotzdem noch, denn obwohl ihr Kompositionsstil neu und anders war als das, was man von Sibelius und der Generation davor kannte, hatten sie Schwierigkeiten, sich zu etablieren.
Aarre Merikanto war ein großer Bewunderer Sibelius‘, er war neben Max Reger der einzige Komponist, den er so bewunderte537. Sibelius interessierte sich auch nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit weiterhin für das finnische Musikleben. Von U-uno Klami und seinen Werken muss er sehr angetan gewesen sein, jedenfalls erhielt dieser ab 1938 auf Sibelius‘ Empfehlung hin die staatliche Künstlerpension538.
Dies zeigt, dass Sibelius sich auch nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit weiterhin für das finnische Musikleben interessierte.

 

Warum Sibelius?

Es tragen viele verschiedene Faktoren dazu bei, dass Sibelius zum Nationalkomponisten und -held wurde und dass er aus heutiger, vor allem aus heutiger mitteleuropäischer Sicht, als alleiniger Repräsentant der finnischen Musik um die Jahrhundertwende dazustehen scheint. Mit dem Wissen um andere finnische Komponisten stellt sich die Frage, warum keiner von ihnen einen ähnlichen Status erlangte.
Ein Grund dafür, dass keiner der Komponisten vor Sibelius es schaffte einen ähnlichen Status zu erlangen, könnte daran liegen, dass die Ausbildungsmöglichkeiten in Finnland lange Zeit noch nicht so ausgereift waren. Sibelius war einer der ersten, die am Musikinstitut in Helsinki lernten. Zuvor studierten die finnischen Komponisten in Deutschland und behielten den dort erlernten Stil auch weitgehend bei. Als Sibelius Kullervo präsentierte, stach er daher mit seinem Stil aus der Menge heraus.
Ein weiterer Grund liegt in der Länge der Werke: Kajanus, der vor Sibelius‘ Durchbruch der führende Komponist im Land war, schrieb verhältnismäßig kurze Werke, sein längstes Werk ist 25 Minuten lang. Sibelius schrieb zwar auch kürzere Werke, aber eben auch längere, die als anspruchsvoller angesehen wurden. Hinzu kam, dass Sibelius mehrere Sinfonien schrieb und damit das Genre bediente, das in Finnland am höchsten geschätzt wurde.
Sibelius muss auch ein außergewöhnliches Talent gehabt haben, den schon seine Lehrer am Musikinstitut erkannten in ihm „Finnlands Komponist[en] der Zukunft“. Man kann hierzu einwenden, dass er nicht der einzige war, dem ein großes Talent beschieden wurde und der erfolgreich Sinfonien komponieren konnte – selbiges trifft auch auf Ernst Mielck zu. Dieser komponierte seine Sinfonie sogar in deutlich jüngeren Jahren als Sibelius. Doch Mielck verstarb früh, noch bevor er eine große Karriere beginnen konnte.
Ein weiterer Umstand, der Sibelius zum seinem Ruf als Nationalkomponist verhalf, ist das Finnische in seiner Musik. Auch diese Rezeption beginnt mit Kullervo, welches das erste Werk dieses Umfangs zu einem Kalevala-Thema war und als erstes als echt finnisch bezeichnet wurde. Frühere Werke mit Kalevala-Themen versuchten zwar ebenfalls, einen finnischen Volkston zu imitieren, Sibelius war aber der erste Komponist, der es aus Sicht der Finnen schaffte, den „Geist des Kalevala“ so treffend in seiner Musik einzufangen.
Vielleicht hatte Sibelius auch Glück, zur richtigen Zeit in Erscheinung zu treten, denn als er Kullervo komponierte, war in Finnland gerade die Hochzeit des Karelianismus und das Land war mitten in einer Selbstfindungsphase. Die Finnen waren auf der Suche nach einer eigenen Identität, einer eigenen Kultur. Sie waren auf der Suche nach einer großen kulturellen Persönlichkeit, die sie leiten konnte, und fanden diese in Sibelius. Die Uraufführung von Kullervo fiel genau auf die Anfänge der Nationalbewegung in Finnland. Er erhielt in den darauffolgenden Jahren noch mehrere Aufträge für patriotische Werke von Anhängern der Nationalbewegung, was seinen Status als Nationalkomponist festigte.
Der nationale Erfolg allein war es aber nicht, der Sibelius zum Nationalkomponisten machte. Sibelius schaffte es recht früh, auch international Karriere zu machen. In dieser Hinsicht konnte keiner seiner finnischen Zeitgenossen mit ihm mithalten; erst Jahre später schafften es wieder Finnen zu dieser internationalen Bekanntheit (zum Beispiel Sallinen, Rautavaara oder Lindberg). Für seinen Status als Nationalkomponist war dies insofern relevant, als er somit als Botschafter Finnlands und der finnischen Musik gesehen wurde. Durch Sibelius konnte Europa gezeigt werden, dass auch Finnland eine eigene Kultur hatte.
Was war also mit seinen Zeitgenossen? Järnefelt wird als sehr nette Persönlichkeit beschrieben, die kein Kämpfer war und Sibelius deshalb bereitwillig das Feld überließ. Merikanto war zwar sehr beliebt, aber er schrieb eben keine Sinfonien und war international nicht bekannt. Kajanus gab zunächst nur widerwillig seinen Platz als führender Komponist auf, unterstützte Sibelius dann aber stark. Außerdem erfuhr Sibelius auch viel Unterstützung durch den zu seiner Zeit führenden Musikkritiker Karl Flodin.
Bleiben noch die Vertreter der jüngeren Generation: Melartin, Kuula, Madetoja und Palmgren. – Melartin schrieb Sinfonien, allerdings wurden diese, bis auf eine, nie gedruckt. In einer Quelle wird hier sogar eine Verschwörung vermutet, bei der Kajanus dem Erfolg von Melartin im Wege gestanden haben soll. Palmgren schrieb vorwiegend Klaviermusik. Kuula verstarb in jungen Jahren. Madetojas Schaffen wurde durch seinen Alkoholismus stark beeinträchtigt. Vielleicht wurde ihnen auch nie eine richtige Chance gegeben, da die Ansicht vertreten wurde: „Wir haben bereits einen Nationalkomponisten, wir brauchen keinen zweiten.“
Diese Ansicht soll vor allem in den 1920er Jahren vertreten worden sein, sodass es den frühen Vertretern der Moderne erschwert wurde, sich zu etablieren.
Während die oben genannten Punkte zum Teil als glückliche Umstände gesehen werden können, gibt es aber doch einen entscheidenden Faktor, der nicht auf Glück basiert: Sibelius schaffte es, seinen ganz individuellen Stil zu schaffen, den man bereits in seinem Werk Kullervo erkennt und der in seinen weiteren Werken fortgesetzt und weiterentwickelt wird. Außerdem gibt es, im Gegensatz zu anderen großen Komponisten, keine „Sibelianische Schule“: Gewisse Einflüsse wurden zwar von ihm übernommen, aber keiner versuchte sich konsequent an seinem Kompositionsstil. Vor allem versuchte Sibelius auch seine Sinfonien zunehmend internationaler zu komponieren und nicht „rein finnisch“. Volker Tarnow beschreibt seinen Stil als „individuelle Weltsprache“ . Damit trug Sibelius auch selbst nicht unerheblich zu seinem Erfolg bei.

Es wäre nun noch spannend, die Individualität von Sibelius‘ Stil auch anhand seiner weiteren Werke im direkten Vergleich mit Werken anderer finnischer Komponisten und vielleicht sogar europäischer Komponisten, die für ihn zumindest für Kullervo noch ein Vorbild waren, zu betrachten. Aber das wäre ein sehr umfangreiches Projekt. Vielleicht wede ich es eines Tages angehen.

So bleibt festzustellen, dass es Sibelius durch das glückliche Zusammenspiel seines Talents, seiner einzigartigen Ideen und der nationalen Umstände zu Beginn seiner Karriere möglich war, national und international zum Nationalkomponisten und in Finnland sogar zum Nationalhelden aufzusteigen.

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